JUGEND
“Da ist eine Zeit: wir haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich wissen wir: alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie auf den Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich kommt er zuhaus ohne Feder an und ihm bleibt nichts übrig, als nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein” (Rilke)
Meine Skizzen zur Kindheit sollen nicht sein: ernstzunehmende und sich ernstnehmende Schriftstellerei, kathartische Exerzitien, ein Herauskehren des Intimsten… sondern stellen den unbeholfenen Versuch dar vom Anschlagen des richtigen Tones, denjenigen, den ich das erste Mal bei Benjamin hörte. Darum muss dieses auch heißen Münchener Kindheit um Zwanzighundert.
Was für ein Glück ist das Spazierengehen. Wenn man das Haus und die Siedlung, diese zum Wohnen Hergerichteten, hinter sich zurücklässt, das Gegenwärtige abstreifend und nach der Vergangenheit, der eigenen und der der Stadt aufbricht, als Proviant nur Erwartungen, wie in einem Geschirrtuch am Ende des Stockes angebracht. In langen Schritten geht man das Längstbekannte des Ortes ab und vielleicht begegnet man, gleichsam als wie die Leute auf dem Boulevard oder dem Markt einander begegnen, einer flüchtigen Erinnerung, die es eilig hat, aber deren kurzes Ansichtigwerden einem wohltut. Aussicht. Ich fand meinen Weg die Stiegen des Kreuzweges hinab, die, einer Schneise gleich, die Verbindung wahrten zwischen der Kirche, dem Kloster, der Pfarrei und der Altstadt darunter. Ich ging hinab, dem alten Cafe zu – wo man sich früher zum Preis einer Kanne Tee den Platz erwarb im hinteren Eck und somit die Ruhe – nicht ohne Blickewerfen auf jede der Stationen des christischen Leidensweges, die mir angesichts der Laufrichtung rückwärts erschienen. Ich erinnerte mich, daß ich denselben Weg in Jugendzeiten einschlug, an Tagen, in denen ich kurz vor der Schule vom Pfad der Rechtschaffenden – und Langweiligen abwich, wie ein Verirrter, das sinnlose Gradausgehen vorzog, das ja eigentlich kein sinnloses war: es war ja zum Zwecke der Vermeidung alles Schulischen.
Die Tage waren schön, wo man irgendetwas vermeiden konnte, wo man stattdessen zuhause geblieben ist: von der Schule vielleicht. Wie viel wertvoller die Zeit doch ist, wenn man sie sich stiehlt. Mit dem “stattdessen” wurden die Dinge angestrichen, daß sie mich reizten. Jede Unternehmung lud sich mit Bedeutsamkeit auf, wenn sie im Schatten des Schwänzens sich labte. Ein schlechtes Gewissen konnte mich nicht erschrecken: es tat das seine dazu. Ich mochte das Fernbleiben, ich mochte den Geruch des Verbrecherischen, der, dachte ich, mir also anhaftete und der die Hunde bellen ließ, wenn ich dem grade beschrittenen Weg, der zur Schule hin mich zu führen versprochen hatte, abhanden kam; an der letzten Ästelung vom Weg abkehrte auf andere, die mich zu den Versprechen der Stadt (die nicht diesselbe war wie zur Freizeit) oder in andere Räuberverstecke lockten. Als suchte sich der Weg aus, wohin er einen führt. So unterschied sich auch ein jeder vom anderen und ich ging am liebsten die verruchten.
Der kleine Gemüseladen, der das Ende der Zeile markierte. Den nur betrat, wer von ihm wusste (oder ihm sonstwie verpflichtet war), der nicht, den andern Lädchen gleich, Verlockungen als Fangnetze auslegte, um die Einkaufenden von den Bürgersteigen zu angeln. Hier gab es keine raffinements: nur das Immergleiche konnte gekauft werden. Aber niemand erinnerte sich an eine Preissenkung oder Hebung, so wie sich niemand erinnerte an Zeiten, als etwas anderes als Gemüse den Eingang säumte. Dorthin war es, wo ich immer geschickt wurde, wenn zuhause etwas ausging, das man schnell benötigte. Daß alles von mir abhing, wie ich meinte, befeuerte mein Laufen noch. Nur das Klimpergeld in den Taschen verlangsamte alles. Drinnen machte ich rasch die Tüte voll, ein Überbringer des Füllhorns schien ich mir zu sein, wenn ich dann der Kasse zuschritt, das Horn umsichtig hinlegte und der alten Frau, dieser endgültigen Ladenhüterin, meine beiden zum Gefäß gefalteten Hände hinreichte mit den Geldmünzen darinnen, und die dann, wie ein Spatz, sich die rechten Stücke herauspickte: das konnte sie noch. Ich mochte es nicht recht, ihr mein Vertrauen zu schenken, ich, der an der Wichtigkeit des Auftrages nie Zweifelnde. Aber es war ja nur, bis ich selbst eingeweiht war in die Rechnungen, die man dort veranstaltete.
Die Zeit hat der Stadt drei Tore nach drei Himmelsrichtungen übriggelassen, durch die man in den Kern gelangt und andersherum. Aus Dankbarkeit gewähren sie den Durchlass. Inmitten: die Kirche, von der aus alles nach den Toren oder dem Torgewesenen auseinanderläuft, ein Kreuz ahmend. Außenherum wie Belagerer die Stätten der Zugezogenen: in der Entfernung zum Kern misst man die Dauer deren Anwesenheit. Am Rande geht ein Fluß vorbei. Sie haben zwei Brücken darübergeschlagen, wo an der oberen sommers die Jungen baden und an der anderen in der entgegengesetzten Jahreszeit die Alten ihre Spaziergänge unternehmen. Dem Lufttier und dem Piloten muss die Stadt der Kreuzspinne ähneln und auch den hier Heimelnden, denn ist man einmal in ihr Netz gelangt, kommt man nicht mehr fort. Die Heimatkunde erzählt den Jungen, daß die Häuser nebeneinandergebaut als Abwehr gelten durften und die Stadtmauer ersetzten. Den Alten dünkt’s, daß es Gefängnismauern sein sollen. Mir aber kommen die Fassaden wie aneinandergestellte Buchrücken vor, jedes hat seine Bewohner zum Inhalte. Alte Spinne: der Irrsinn von Jahrhunderten hat sich auf ihr abgelegt. Am gelben Tor sollen mal ein paar ermordet worden sein, da gehen die Leute besonders gerne durch und auch ich nicht ohne Schaudern. Da empfiehlt’s sich gleich darauf ins Wirtshaus einzukehren: in die biertischdicke Sicherheit.
Wie wenig man sich doch im Ort der Kindheit und in der eigenen Westentasche auskennt. Wie lose Knöpfe und vergessene Münzen tauchen bisweilen Stellen auf, die, hätten sie sich nicht im schummrigen Kreis der eigenen Erinnerung wiedergefunden, man niemals dort vermutete. Oder längst abgerissene Eintrittskarten: wo ist man damit einmal hineingelangt? Die Stadt. Beim Zurückgelangen in die eigens für mich im Einweckglas der Kindheitserinnerungen Aufgebahrte merkte ich, wie wenig ich sie eigentlich kannte und wie sehr ich einem bloßen Gedanken oder Gefühl nachhing des innigen Kennens. Wie ein Freund zeigte sich mir alles scheinbar vormals Bekannte: eines im Laufe der Jahre zum Fremden gewordenen. Man kannte ihn ja nie. Die entfachten Entdeckerfreuden des Zurückgekehrten – als wäre er niemals dagewesen: aber Augen erinnern sich gerne. Ich hoffte sehr, daß der alte Schober noch stand neben der Weide, die gevierteilt von der Zarge und den Streben den Blick boten, der sich mir nie vergaß: verscharrt im Gedächtnis wie als hätte sich meine Kindheit dazugelegt, blickte er fremd zurück.
Zwischen den Erwachsenen, die hier unter dem Vorwande eines Familienfestes zusammenkamen, lastete das eigene Kindsein doppelt so schwer. Sie redeten über mir so fremde Themen, daß ich auf nichts als ihre Stimme achten konnte und die tiefe, grollige des Großvaters mochte ich am liebsten. Der Kaffe, der so gern und viel getrunken wurde, gab mir Rätsel auf. Er war die Marke, die – in meiner Vorstellung – den Übergang ausmachte. Die älteren Cousins verzogen zwar’s Gesicht, doch tranken tapfer ein jeder seine Tasse aus. Vor mir jedoch verbarg sich das Mysterium noch gänzlich, das sich – so reimte ich’s mir zusammen – im Reize seines Geschmacks liegen musste: denn als ich ihn heimlich probierte, schmeckte er fürchterlich. So sollte ich nicht dazugehören.
Die ganze Heimat fasste sich in meiner Kindheit an einem Ort zusammen, dem Haus der Großeltern. Dorthin konnte man zurückkehren, wenn man sich zu weit hinausgewagt hatte in die Welt. Jedesmal vor dem Haus auf der alten Bank mit den zusammengekniffenden Augen ins weite Feld hinausschweifend: der Großvater. Wem trotzte er da? Wie ich kam, würdigte er mich keines Blickes. Ein Baum. Ich habe ihn nie lächeln gesehen, nur in sich hineinschimpfend, entweder dies tiefe Grollen, als wolle er etwas beschwören oder er lachte aus voller Kehle sein mächtiges Lachen. Der Einzige, den ich kannte, der aus sich selbst heraus lebte. Er hat nie gelächelt oder war höflich, sagte einem keine Nettigkeiten auf, wie die andere Verwandtschaft. Er war etwas anderes, hatte sein Menschsein ausgehustet, die Konventionen sind ihm Kleider gewesen, die er abgelegt, die ihm, den zum Waldgeist gewordenen, nicht mehr passten. Daß er mich nicht schimpfte war sein Lob und keines begehrte ich mehr. Sein Wesen – wie es sich nach allen Seiten hin des Raumes bemächtigte, in dem er war. Sein Schweigen war voller Inbrunst; hob er an zu erzählen, war es, als nahm er mit einem Atemzug die Stimmen der Umstehenden fort. Der Gehstock: ein Artefakt oder ich betrachtete es als eines. Seine Jahre waren ihm eingezeichnet, mit der Dendrochronologie mochte man sein Alter fassen. Ihm widme ich meine Tränen: Großvater
Die Verbindung zur Natur wurde durch den Großvater aufrechterhalten. Er erklärte die Gewächse und welche Pilze ich nicht essen dürfe. Er lernte mir, wie man an den Ringen des Baumstumpfes die mageren und die fetten Jahre auseinanderkennt. Die kleine Schleuder, die so weit schießen konnte; die er schnitzte, indes wir am Ufer des Flusses hockten, dort wo es so tief war, daß der Kirchturm hineinpasse, wie er erzählte. Glühwürmer mochte er nicht einfangen, dafür aber die Grillen. Das Zirpen, das allabendlich beginnende, war das Startzeichen des Vorhabens: um seinen Urprung auszumachen, mussten wir still sein und horchen. Sie bildeten mit dem Gestreiche etwas wie ein Orchester, derohalben man sich konzentrieren musste, eines für sich ausfindig zu machen. Dem folgte man, ganz gebückt zur besseren Sicht pirschte man sich heran, bis zu dem kleinen Loch in der trockenen Erde. Dort brauchte es einen Strohhalm, den passenden, den er aussuchte, um die Grille herauszulocken: bald schon sah man sie herauseilen.
Oftmals, wenn wir nichts mit uns anzufangen wussten,stahlen wir uns aus der elterlichen Obhut und suchten das Haus am anderen Ende des Waldes auf, dieses über den Winter in Vergessenheit geratene. Der Weg war nicht einer dieser langen, denn man schritt schweigend etwas Verbotenem zu. Als Zigarettenrauch schien uns der sichtbar gewordene Atem. Atemzüge brachten uns vorwärts. Daß der Schlüssel in der Wölbung der merkwürdigen Weide verborgen lag, deren Wurzeln an der einen Stelle eine Kammer bildeten, das wussten wir. Erst Abends brachen wir nach dorthin auf, in der Dämmerung ist vieles anders und auch im Wald. Diesmal war es, als nutzte noch jemand unser Winterversteck: ein Buttermesser lag, als Indiz, am verkehrten Ort. Leise öffnete sich die Tür, jedoch es kam niemand herein. Aber das wussten wir schon zu deuten. Und so rannten wir, Kinder mit furchtverzerrten Gesichtern, davon.
Großmutter wurde von uns die Alte genannt, die niemandes Großmutter war, aber: an deren Namen sich ein jeder, der sie besuchte, hielt. Nach der Schule brauchte es nicht viel und ein Grüppchen Heimkehrender machte den Umweg die andere Seite des Hügels hinab, um, wie als zufällig vorbeigekommen, noch bei der, die alle Großmutter hießen, zu läuten: in Gedanken schon am Holztisch der Wohnstube sitzend und naschend. Von keinem hörte man hier ein einzig unartig Wort und von vielen, ansonsten ärgeren Kameraden, wusste ich, daß daran zu denken sie sich verstatteten. Irgendetwas hatte sie an sich, weswegen sie um vieles anders behandelt wurde, als die restlichen Bekanntschaften. Wie ein Felsvorsprung lag sie dem Kinderleben im Weg und erforderte verändertes Verhalten. Vielleicht war sie den Lebenden schon so weit entrückt, daß wir sie in stillschweigender Übereinkunft zu den Geistern zählten, jedenfalls schien es oft, als würde sie mit den knochigen Armen etwas verschränken, das sich ansonsten in ihr auftäte und das manchmal in ihren Augen hervorstach und Kinderherzen schneller schlagen ließ vor lauter Aufregung. Ihre dunkle, mit Heiligenbildern und Festtagskerzen, brennenden, übersäte Stube tat ihr übriges uns zu ängstigen. Aber alle blieben und ließen sich das Zittern, das nachher freilich nicht stattgegebene, vergelten mit: Schokolade, Markstücken oder Lausbubengeschichten unserer Väter, die nicht weniger wert waren, wenn wir sie nach Hause – und dorten vor – trugen. Beim Heimlaufen fühlten wir uns angesichts des Überstandenen stets wie eine Kompanie und das herzlich Geschenkte war uns Kriegsbeute, die wir uns demnächst auf neue zu machen versprachen.
