NACHTBUCH
Ezra Pound: sogar in meinen Träumen
hast du dich mir verwehrt
und sandtest mir nur deine Mägde
(I7SPT)
Im Traum sitze ich bei einem alten Freund auf dem Gepäckträger seines Fahrrads. Er hat mich nicht ablehnen lassen. Ich leide, weil ich zusehen muss, wie er sich den Berg hinaufplagt und mich nicht absteigen lässt, obwohl ich in ganz anderer Richtung weitergemusst hätte.
(3FEB)
Es ist Dunkelheit. Sie wandelt mit einer Kerze in der Hand und geschlossenen Augen hinaus, in die Ferne. Mit den Schritten wird ihr der Weg, sie braucht ihn nicht zu sehen. Lieber die Augen zu: das Schwarz hinter den Lidern ist ein ganz anderes als die endlose Nacht des Weltalls. Seine Dunkelheit ist nicht die Abwesenheit des Lichts. Sie singt ein Lied, oder: eine Melodie verlässt ihren Mund und tritt eine Reise in alle Richtungen des Nichts an. Dort, wo, bevor das Licht ging, einmal Wiese war, dort stellt sie die Kerze ab: ein erster Schritt zur Wiederbeleuchtung der Welt.
(17FEB)
Der Himmel war grau: das lockt die Verfinsterung. Der Tag lag im Sterben. Alles, die Bäume, die Gebirgszüge unter denen ich mich befand, jeder Stein schien aus Todesangst zu schweigen. Die Dunkelheit wartete siegesgewiss, bald schon konnte sie sich am Aas laben. In der Nacht würde man trauern.
Ein abgerissener Fuchskopf lag auf den spitzigen Steinchen des Felswegs, den ich begang. Aus dem Maul führte ein Seil, an dessen Ende ein Haken befestigt war. Als ich weiterkam, fand ich den Körper des Tieres, den man offensichtlich geöffnet hatte, wie um etwas zu entnehmen. Ich kannte den scheuslichen Charakter dieses Bergvolkes, aber nicht kannte ich dieses Ritual: denn an einen Kinderscherz dachte ich nicht. Sogleich erreichte ich eine Abzweigung des Wegs mit einer der auch anderswo häufigen Heiligenvitrinen aus Glas und schwarzem Metall. Aber kein Franz Xaver befand sich darinnen, sondern ein absonderliches Tier von der Größe einer Katze. Ich schloss, daß man es aus dem Magen des Fuchses herausgezogen haben musste, weil es noch feucht vom Schleim und vom Blut war. Dem Aussehen nach ein Raubtier mit kurzem dunkelrotem Fell und dem Maul eines Hundes, das, außer zwei Zähnen, wie ein Alligator sein Gebiss verbarg. Es hatte am Bauch ein weißes Fell, das man nicht sehen konnte, weil das Tier mit den Löwentatzen schlafend dalag und nur den langen Schweif hin und her bewegte. Später erfuhr ich, daß man nur das Ei des Wesens dem Fuchs entwendete, aus dem es später schlüpfte. Man hält es in der Vitrine gefangen, um damit Unheil abzuwenden.
(9FEB)
Joseph: Freund; ich brauche deine Hilfe
Franz: sage nur was! Immer warst du da, wenn ich nach dir fragte. Immer konnte ich meine Verzweiflung zu dir tragen, ich konnte mit Sorgen vollgepackt zu dir kommen und oft auch ohne, aber jedesmal ging ich erfüllt.
Joseph: ja, ich half dir mit der Arbeit, die du nicht fertigbrachtest oder nahm sie dir ganz ab; weil du ungeschickt bist mit ihr und nicht dazu taugst.
Franz: ohne dich hätte ich nichts, ich müsste des winters verhungern oder erfrieren, oder ich müsste mir die Brosamen, die bei den andern übriggebliebenen auf schimpfliche Weise erschwindeln. Und sowohl du wusstest, daß ich spiele und trinke, gingst du meiner Arbeit nach und allzu oft blieb deine dafür ungetan. Du gabst mir dein Brot, übtest den Verzicht statt meiner, der ich zu schwach bin und teiltest dein Holz, daß ich im Herbst zu besorgen vergas. Und als ich krank lag, liefst du nach der Stadt für Arzt und Arznei.
Joseph: ich erinnere mich gut: es war, weil du in der Kälte saßest und und rauchtest und trankst, wie im Wahn: um den Sternen nachzuschauen, wie du sagtest. Wurdest du ob der Kälte krank oder ob deines Wahns?
Franz: ich weiß es nicht aber so war es. Ich bin der Glücklichste, daß du nun deinerseits meine Hilfe in Anspruch nehmen willst.
Joseph: niemals habe ich etwas erbeten, jetzt aber flehe ich, ich erflehe ein einziges Mal deine Hilfe. Nie hast du gearbeitet, das stimmt, nie dein Tagwerk verrichtet, wie die anderen Leut, oder darüber hinaus geholfen bei der Ernte und bei der Saat. Du hast nicht gekonnt, weil du immerzu träumtest. Du brachtest deine Zeit mit Büchern zu, so dick wie Holzscheite und du schriebst und die Leut dachten, du wärst ein Taugenichts. Ich beobachtete dich: du warst keiner der Jenigen. Du warst weit entfernt. Ich sage es dir gleich, nichts hält mich mehr auf dieser Welt. Ich bin alt geworden. Ich habe alles getan. ich habe, sofern es ging, immer meinen Dienst getan und geholfen, habe zum HerrGOtt gebetet und hatte eine Frau und ein paar Kinder. Aber du hast nichts, nur deine Träume: so nimm mein Geld und mein Haus, du wirst es gut haben. Aber wenn deine Bücher und Träume und deine Schreibübungen etwas nütze waren, so schaffe mir ein Fenster hinaus aus dieser Welt.
[Franz: Das ist der Schlag, auf den ich lange gewartet habe, den ich kommen sah, der kommen musste. Ich bitte dich: bestürme mich nicht, tu nichts als warten und dich besinnen auf das, was du schon erhalten und erfahren hast. Du bist ihr doch schon so nahe, der Letzten Geduld, der wendenden./ T.K.]
(30JAN)
Eigenartiger Regen, kalte seidene Fäden spinnen sich herab. Sie überlassen das Silber der Welt: alles legt sich in Grau. Von wo sie kommen? Niemand fragt. Die Häuser können sich in den Pfützen spiegeln, jähe Kelche, in denen sich das Herabgefallene zusammenfindet. Alles findet zusammen im Nass. Die Stadt, die kleine, erkennt sich selbst in der Beregnung: wird ein Gemeinsames im Angesicht der Wolkensöhne.
Ungefragt bedeckend: auch die Köpfe der Menge dort, in lauter Einzelne sich zerstäubend in ihrem Undank.Im Regen erst spürt man die Gliedmaßen, die eigentlich einigermaßen entfallenen. Im Regen fällt einem das Zuhause wieder ein, wohin nun ein jeder zu seinem eilt. Wie Staub auf ein Bild legt er sich in die Sicht, bleischwer hängt er als Vorhang, den Horizont zu verschleiern. Ich sehe schon neben dem Steig sich geschäftig die Rinnsale bilden, die an den Ufern der Straße noch lauern – hinüberzutreten: diese in der steten Vereinigung begriffenen.
(20JAN)
Vier Fenster geben nach allen Seiten hin Auskunft über die draußere Welt. Er steht dort, wo man den Baum sehen kann mit den Maisfeldern im Hintergrund.
“Warum siehst du immerzu beim Fenster hinaus?”
“Ich schau nicht hinaus, ich betrachte das Glas”
“Das Glas?”
“Gewiss. Sieh nur, wie ihm der Wassertropfen hinunterinnt. Was zwischen uns und einem Ding verlorengeht, wenn wir durch ein Fenster blicken, ist das Fenster”
Und sie ahnte die Verrücktheit, die sich in seinen Worten räkelte.
(26FEB)
Der kleine Wald nahe dem Wohnhaus, dem meinigen, träumte mir, versteckte seit kurzer Zeit ein seltsames Tier, das Einfluss nahm auf die Gewohnheiten derer, die von ihm wussten. Niemand konnte plötzlich mehr seinem Tag nachgehen, das Wesen hatte sich wie eine offene Frage in den Köpfen der Dorfschaft eingenistet. Einer hatte beim Spazierengehen kurz seinen Schweif gesehen, meinte er, der bläulich, wie ein Duft, schimmerte. Ich wurde mit dem Fang des Tieres betraut – mir schien, weil ich die meisten Bücher unter den Bewohnern besaß, zu denen ich mich und sie mich nicht zählten. Ein Jäger aus einem weiter entfernten Dorfe wurde eigens zu meiner Unterstützung hergeholt. Meine Nachforschung, die im Lesen von Sagen und Sagengestalten der Gegend bestand, war insofern fruchtbar, als ich eine Art Ahnung herstellen konnte, mit was man es zu tun hatte. Es gibt, so erfuhr ich, eine Art des Fuches, der anstatt rotem Fell, ein bläulich schimmerndes trug und vom nahenden Unheil angezogen wurde, das er spürte. Weil er durch seine Anwesenheit ein baldiges Unglück verkündet, wird er gefürchtet oder gilt als dessen Verursacher. Ich konnte das Tier nie sehen, aber es schien unendlich nah. Vielleicht befand ich mich als Zwerg auf seinem Rücken, ich Ahnungsloser.
(6MÄR)
Im meinem Traum wurde ein Mann von einem Löwen gefressen, den er sich im Garten hielt. Lange Zeit schien sich niemand darum zu bekümmern und bei der sofortigen Beerdigung enthielt man sich aller Ehrerbietung. Nicht einer fühlte Mitleid beim Anblick des geschundenen Körpers. Der Fall erregte, bis auf einen kleineren Zeitungsbericht und den abends deswegen in den Wirtshäusern Zusammengekommenen, kaum Aufsehen. Es wurde erst zu einem Vorfall von größerer Wichtigkeit, als der vormals Getötete frühs auf dem Weg zu einer Gaststätte gesichtet wurde. Dies war mit großem Erstaunen dem örtlichen Polizeimann vermeldet – Der Mann wurde noch direkt an der Gaststätte befragt. Er erklärte, daß er nicht mehr mit dem Löwen wohnen wolle, weil ihm durch einen Traum schlimmes dünkte, daß aber seine Tötung wohl ein Gleichnis gewesen sei. Das befanden nun viele für recht befremdlich, und offene Fragen ragten bis zum Firmament. Der Löwe bewohnte weiterhin den Garten des Herrn Leim, wie er hieß und so lebte man, der öffentlichen Meinung nach, im Gleichnis oder im Halbgleichnis. Seitdem sind Mutmaßungen einzelner im Dorfe bekannt geworden, daß sie glaubten, nur in den Buchseiten eines fieberträumenden Literaten zu existieren, eine Ansicht, die von ebenso vielen wieder verworfen wurde. Auch hörte man von einer Legende reden, daß sich einmal ein solches Dorf im Gleichnis eines Gleichnisses gefangen sah, was da ist: der Traum des Mondsüchtigen.
