Aphoristik
N.G.Davila: das Wort wurde uns nicht gegeben,
damit wir unserer Misere Ausdruck verleihen,
sondern damit wir sie verklären
1.Teil
1, Ein Poet ohne Philosophie ist genauso uninteressant wie ein Philosoph ohne Poesie langweilig
2, Über Religionen und über Mädchen braucht nur der zu reden, der keine hat
3, Aphorismen: Gedankenrümpfe
4, Was ist das Wort, wenn wir ihm den Pilzbefall der Assoziation abstreifen?
5, Das Nichts ist im Schweigen zweier Freunde: wenn sie feststellen, daß es nichts mehr einander zu sagen gibt
6, Die Heimat lädt sich in der eigenen Abwesenheit solange auf mit Positivem und Liebenswürdigem bis man sie wieder zu Gesicht bekommt
7, Der Aphorismus ist wie ein Samenkorn im Herzen des Lesers: er bedarf, um aufgehen zu können des Nährbodens
8, Der Ehrgeiz ist das alles- und allerverheerendste
9, Der Geruch des Betriebes, der dir anhaftet, entledigt dich des Verdachts
10, Was wären wir ohne die Dinge, die uns fehlen?
11, Wir setzen die Dummheit des Lesers voraus, wenn wir in Erklärungen abschweifen
12, Die Verlangweiligung der Welt ist fortschreitend und unaufhaltsam. Wir können nur dabei zusehen, wie die Wunder unter der Beweislast der Wissenschaft zusammenbrechen
13, Die Rede ist vom prosaischen Bisschen, das ich mir Tag für Tag zusammenklaube, als hätte es jemand fallenlassen
14, Die wissenschaftliche Kritik des Wunderbaren ist der Versuch, Licht mit dem Sieb einzufangen
15, Die Schulen vernichten Potentielle als hätten sie genug
16, Es gibt diese eine große Pflicht, am Leben zu bleiben, der man sich auf berüchtigte Weise lossagen kann und tausend andere, alles Söhne und Töchter der einen, die die Lossagung verständlich machen
17, Der Mund ist für nichts anders da, als zum Küssen & zum Gedichtvorlesen
18, Das Verbrechen ist das Kunstwerk, der Kommissar nur der Reszensent – wenn man nichts davon hört, war es ein gelungenes
19, Dem Ehrgeizigen auf den Grabstein: er hat sich bemüht
20, Heutzutage ist doch jeder stolz auf irgendeine Todsünde
21, Du warst ja das wichtige und nicht die Liebe: nicht suchte ich dich, um zu lieben, sondern die ich liebte warst Du
22, Ein fürchterlicher Gedanke, nach dem Tod seinen Lesern ausgeliefert zu sein
23, In einer Diskussion mit Zeitgenossen nach Irrtümern fahnden, oder: sich im zoologischen Garten auf Großwildjagd begeben
24, Wer Löcher aushebt, wirft Hügel auf
25, Ich weiß nicht, warum die anderen Tiere schweigen. Die Katzen schweigen gewiss, weil sie Aristokraten sind
26, Die Sonnenstrahlen bescheinen unseren Körper; die eigenartigen Strahlen des Mondes aber durchdringen die Seele
27, Wir brauchen Tage- und Nachtbücher
28, Das Vorurteil ist der imaginäre Kontext, den man einem Wort unterstellt
29, Sieh! Die Flüsse, die ins Meer münden bleiben süß
30, Der Dutzendmensch flüchtet sich in Realitäten
31, Das Geborenwerden ist ein Aufwachen aus dem Traum der Götter
32, Eine Idee, die wir niemals in Frage zu stellen uns genötigt sahen, muss bloß von einem Trottel bewundert werden, um sie uns verdammen zu lassen
33, Bildung verdirbt, wenn sie den Bewohner eines Urwaldes zwingt, auf ihren ausgetretenen Pfaden zu wandern
34, Hört! Der Moderne spricht: das Schöne soll mir aus der Welt verschwinden, damit mein Stümperhaftes als mittelmäßig gelten kann
35, Alles Heilige wird schal, wenn man es mit den Augen der Häresie betrachtet
36, Die Hölle ist die mit Überheblichkeit vorgetragene Dummheit
37, Wem der Bourgeoise mißtraut, an dem wittert er den Flor des Abenteuers
38, Alles Wundersame flieht die Realität, wie die Tiere des Waldes das Feuer des Brandes
39, Eine Philosophie in Flüchen, oder: Stoßgebeten
40, Eine bestimmte Melodie kann uns retten, ein Gedicht, ein Kuss, ein Sonnentag
41, Die rechte Heimat ist in den Sphären des Herzens verortet, man muss aber durch den Ort seiner Kindheit hineingehen
42, Alles was ich vergesse ist ohnehin woanders besser aufgehoben
43, Sartre sagt: wir sind dazu verdammt, frei zu sein. Das ist ein Satz für jeden. Der Dumme fragt: verdammt?, der Kluge: frei?
44, Nichts ermüdet mehr als die offensichtlich zwecklose Zielstrebigkeit anderer
45, PRAG: Gibt es eine Art der Erinnerung, die nicht im Kopf sich, sondern im Herzen aufbewahrt? Denn bei meinem zweiten Besuch verwehrtest Du mir alles
46, Und wenn wir nur aufbrachen, um in der Ferne die Daheimgebliebenen umso mehr zu lieben?
47, Sie waren zu mehreren zusammen und doch eigentlich ein jeder für sich allein
48, Ein Kind sagt in der Schule, wo die Baumgattungen abgefragt werden: Purzelbaum. Indikator des Dialektikers
49, Anblick der geschundenen Welt: wie tot liegt sie da, als die Wirklichkeit in ihr heimkehrte
50, Aphorismenschwärme
51, Man möchte ja keine Leser haben, sondern Mitwisser
52, Man hat die verbale Luftverschmutzung außer Acht gelassen
53, Im Beisammensein mit imaginären Freunden ist die ganze Welt subaltern
54, Dem Wandersmann, der in den Randgebieten unserer Gesellschaft unterwegs ist, wird der beschwerliche Weg mit interessanten Bekanntschaften und, vielleicht, mit einem atemberaubenden Blick über unbesiedeltes Terrain vergolten
55, Keine Apotheke führt ein Mittel gegen Mitmenschen
56, Jede Lehrkraft pendelt zwischen dem Fach und ihrer eigenen Mittelmäßigkeit. So stellt sie ein Konservatorium der verlorenen Illusionen dar
57, Genosse, ich teile nicht deine Auffassung, sondern deine Feinde
58, Regel des Schriftstellers: wisse, daß es auch ungesagt bleiben kann
59, Gib Acht! Allzu leicht zerschellt ein unbeschwertes Herz an den Felsen der Wirklichkeit: herangetragen vom Immergleich der Alltagswellen
60, Die Sprache ist der ewige Bau eines Hauses, allein der Dichter kann die Fenster schaffen: zum Hinausschauen. Sein Wort lässt Licht und Luft hinein
61, Das aus dem Nest gefallene Vogelkind wird vernichtet durch unsere totweihende Obhut, durch den Gestank unserer gutmeinenden Finger, der ihm anhaften bleibt
62, Um den Tod zu vermeiden, musste man das Leben zum Opfer bringen
63, Jedem deiner Siege wohnt die Niederlage inne
64, Die Rede ist vom prosaischen Bisschen, das ich mir Tag für Tag zusammenklaube, als hätte es jemand fallenlassen
65, Seine Überzeugungen waren dem Hut gleich, den er abnimmt beim Betreten der Kirche und zum Mittagessen, und den er bei der Unterhaltung mit Fremden stets tief ins Gesicht hinein zog
66, Wir haben Gedanken – sie fliegen davon, wir schreiben sie auf – sie zerfallen zu Staub oder welken in irgendwelchen Bücherregalen dahin, oder: am schlimmsten: ein Dummkopf liest sie, zum Vergnügen
67, Als ich das letzte Mal der Realität begegnete, befand ich, daß ich mich in meiner Traumwelt doch recht gut eingerichtet habe
68, Nichts ist so verdächtig, wie: sich etwas zutrauen
69, Manche Menschen gehen vornübergebeugt, 1/2 in der Gegenwart & 1/2 in der Zukunft, als hätten sich ihre Prophezeiungen schon lange erfüllt
70, Wie abgenutzt uns ein Wort oft scheint, ganz schmutzig; wie ein Geldstück: durch wieviel Hände es ging!
71, Und es wird früh werden und wir werden gemeinsam mit der Sonne aufgehen
72, Detonation des Unsagbaren: das Gedicht
73, Vielleicht ist mein Lesen nur die Kompensation für alles eigene ungeträumt Gebliebene
74, Der Stil ist die Seele des Buches
75, Das Wundersame liebt die Schüchternen
76, Als er dem Objekt der Betrachtung den Rücken zukehrte, wurde es rasch durch einen Albtraum ausgetauscht
77, Es gibt das grammatikalische Ereignis, dem sich der Autor beim Schreiben bewusst wird und innehält: er ist Angestellter seines Schriebs geworden
78, Der Albtraum gewinnt Gestalt, wenn er über die Schwelle des Erwachens hinaus in den Tag hineinragt: als Abgrund, und den Tag zunichte macht
79, Moderner Versuch der Bekehrung: jemandem ein Buch schenken
80, Ein Freund offenbart sich nicht in der Welt
80.1, Eine freundschaftliche Handlung erhält erst im Nachhinein seine Gültigkeit
80.2, Die Schnittmenge alles dessen, daß zwei Freunde sind, ist das Holz aus dem sie geschnitzt
80.3, Freundschaft benötigt nicht einer Versammlung der Freunde in regelmäßigen Abständen, sie zehrt von der Verklärung in Abwesenheit
80.4, Freunschaft bekundet nichts, sie richtet aus
80.5, In Anekdoten hüllt sich die Freundschaft als in ihr Gewand
80.6, Die Erinnerung ist geschiedenen Freunden ein Ort des Wiedersehens
80.7, Eine Freundschaft wird erst nachträglich geschlossen: stirbt sie in der Abwesenheit, war sie nie
80.8, Freundschaft hält länger als der Freunde Leben.
80.9, In der Abgeschiedenheit wird die Freundschaft zweier sichtbar wie eine beschlagene Fensterscheibe.
81, Er versank in der Erwartung eines Gedanken, der nicht kam
82, Hölle des Wortes: das Gekrakel
83, Die Betrachtung bewegt sich in konzentrischen Kreisen, aber der Weg ist das Ziel
84, Träume sind verwaiste, von Wölfen aufgezogene Gedanken
85, Das letzte Wort ist geschrieben, wenn wir uns alles entschuldigen
86, Der Ehrgeiz nistet am liebsten im Gebälk der Holzköpfe
87, Erklärungen nennt man die abfallenden Hülsen der Aphorismengeschosse
88, Die Begriffe thronen über allem Seiendem: bald schon wächst ganz selbstverständlich der Purzelbaum neben der Linde
89, Eine Pforte mit der Aufschrift: “Ein jeder, der aufrechten Herzens ist, kann hindurch”. Und es gab aus der Menge, die hindurchschritt keinen einzigen, den man abwies. Das erboste einige, die riefen: ” aber es können doch nicht alle gut sein!”. Jene mussten wieder zurück
90, Der Unsinn kann nicht ohne Sinn: jedoch der Sinn steht ganz allein
91, Auch tut man sich hervor, indem man stehenbleibt, wo andere loslaufen
92, Die gemeinsam begangene Untat ist der Freundschaft Denkmal
93, Das unartigste Kind ist anständiger als der honorabelste Erwachsene
94, Ich ziehe den kleinen Prinzen dem großen Zarathustra vor
95, Es ist nicht meine Aufgabe, die Scherben die ich aufklaube, zu einem Ganzen zu fügen
96, Hinter jedem Baum im Wald ein Elf, der deine Skepsis flieht
97, Es gebührt der Ehre keine zu haben
98, Aufgabe des Schriftstellers: richtiges Stellen der Frage
99, Er klopfte und horchte, ob sich ihm hinterm Geschriebenen etwas verbarg, ob an einer hohlen Stelle des Gemäuers nicht etwa ein Geheimweg sich auftut
100, Sein Gebet durchbohrt die Firmamente
2.Teil
1, Einfall, der: wunderschön duftende Blume, die oft die Wanderwege säumt. Versucht man sie zu pflücken, verliert sie den Geruch und verdorrt
2, Emblem des Modernen: Regenschirm und Stöckelschuh
3, Als er sich nach langer, zehrender Reise wieder ins Zuhause geflüchtet hatte, schloss er sich in seine Heimat ein. Luftschatten: er war sich selbst der Mittelpunkt. die große Welt war ausgesperrt
4, Das Lächeln einer Frau in einer altehrwürdigen Kathedrale kann eine Epoche retten und eine rehabilitieren
5, Der Leser bezahlt in Stunden
6, Autobiographie: komprimierte Belanglosigkeiten
7, Es gibt sie, die erlesene Unbrauchbarkeit
8, Die trauigsten Stücke eines Dramatikers werden immer noch in seinem Tagebuch zu finden sein
9, Jeder Abend ist eine Bucht in die endlosweite Nacht hinein
