leichtsinnige Gedanken

von stuekkwerk

Eine der Busfahrten, die so 3/4 Std. dauern, also keine halbe Stunde und keine ganze; nichtmal eine dreiviertelte. Eine Dreiviertelstunde Lesen: nichts schöneres, aber eine 3/4 Std mit Lesen zu Verbringen ist eine Unmöglichkeit, die meisten wissen warum. Es bleibt einem nichts, als zum Fenster hinauszuschauen und einen der vorbeifliegenden Momente in Gewahrsam zu nehmen. Wenn es gelänge! Man macht an der großen Ziegelsteinmauer halt und erst beim Aussteigen, als wäre ein Bann aufgehoben, bemerke ich deren Zugehörigkeit: Friedhof. Die Mauer; aufgeworfen zum Behufe der Bewahrung. Welcher? die, der Drüberen vor den unsrigen oder uns vor den Drübrigen – sicher aber als Trennung zweier Welten. Der Tod ist ja allgemein unerwünscht. Das große Verdienst unserer Zeit war ja die Ermordung des Todes, man hat ihn totgeschwiegen. Das Schlimmste am Selbstmörder, findet man, ist nicht die ungeheure Beleidigung der Welt, indem er den Tod den Schönheiten vorzieht, die sie ihm darbietet, sondern die Unannehmlichkeit, die er verursacht, wenn er irgendwo oben in der Dachkammer baumelt und die heimkehrende Familie erschreckt. Zu welchem Zweck die Mauer nun ist: ausgesperrt ist er, der Tod, auch aus den Gedanken, wir gehen ja an einer berankten Ziegelsteinmauer vorbei und nicht an Grabmälern. Die Erinnerung, als ich, ein kleiner Junge noch, beim Entlanggehen, dem dortigen, eines Astes ansichtig wurde, der vom drüberen Ende herüberwuchs und am Ast, wie eine Verheißung, der Apfel hing zu dem ich nicht hinaufkonnte. Nur im Nachhinein lässt sich ermessen, wie groß das Klischee war, in dem ich stak, aber bestimmt war es dadurch, daß ich mir den ursprünglichen Eindruck des Friedhofs bewahrt hatte, den eines Gottesackers nämlich.. man muss den Tod immer ein bisschen mitleben lassen, wie ich finde.

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