leichtsinnige Gedanken
von stuekkwerk
Beim Betreten der Bibliothek befielen mich neue Gefühle. Nicht, wie sonst, die Ähnlichkeit mit den Kirchenbesuchen meiner Kindheit, jenes Sichgeborgenfühlen in der Idee vom blätternen Gott, aufgeteilt in aneinandergereihten Einbänden, Milliarden von Buchstaben in Reih und Glied: die, in die Ordnung gewendete, Weisheit. Irgendwo dort liegt sie, die Wahrheit, man bräuchte nur hinlangen, aus Tausenden das rechte erwischen, von den Sätzen und Absätzen den Zeitgeist abstreifen, als ob man ein archäologisches Artefakt freilegte und sie (die Wahrheit) dann zwischen den Zeilen erhaschen. Ich stellte mir die Wahrheit immer als altes Buch vor; staubig, unscheinbar, abgenutzt, Halbleinen. Unbeachtet im Schatten der Philosophie- oder Sinologieabteilung auf den Richtigen wartend. Ich mochte es, die abstrakte, von strengen Metaphysikern ersonnene Auffassung von Wahrheit durch die Idee zu ersetzen, man könnte -mit ein bisschen Glück- die Wahrheit sofort greifen, ausleihen und dann zwei Monate daheim für sich alleine haben.
