stuekkwerk

leichtsinnige Gedanken

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Der Mond: ein schweres Fahles in der Ferne; blass und die Erden mit traurigen Blicken traktierend. Unten kommen zwei an ihrer Fata Morgana zusammen. Ort der Erinnerung: eine Laterne. Einer der Vorübeilenden, dessen flüchtiger Blick die Szene erhaschte, würde sie für Verrückte halten. Nur weil man zusammen 1000 und 1000 Nächte durchwacht, 1000 und 1000 Weine getrunken, 1000 und 1000 Wege gegangen und Irrwege, und 1000 und 1000 Worte gesprochen, ist noch nichts gesagt.

WELT IN SPLITTERN

ALICANTE: Von dieser Stadt gibt es eine Photographie, die für den, der sie sähe, jede Beschreibung unnötig werden ließe. Dem genauen Blick entzieht sich darauf nichts, die Stadt, die Häuser stehen wehrlos da, wie Erschreckte. Der Fotograph zielt vom höchsten Punkt, der Festung und trifft im glücklichen Winkel die Flachdächer und bis in die Straßenschluchten hinein. Hat man sie so: von oben; erwischt, verrät sie einem anderes und mehr als zwischen ihren Gassen. Es war wohl die größte Verlockung der Soldaten, die früher oben bei den Kanonen abgestellt waren, deren Geschosse nicht dort hineinschlagen zu lassen, wie auch der Fotograph nicht einfach hinunterschauen konnte, wie man sieht.

An Joseph

Wenn Du dies liest, lieber Freund: einziger, bin ich dir schon fern: im fremden Land, am andern Ufer eines Meeres, das uns trennt oder Zuhause, und schließe nur nicht auf, wenn es läutet. Es braucht ein Versteck für mich oder eine Grube bloß, worin ich mich verschanzen kann für eine Zeit.
Weißt Du noch? Erinnerst Du die Tage, die frühern , die wir unterm Volk verbracht mit Lachen, Trinken, Raufen gar? Wo Dir mein Lächeln Lohn war: Abfindung für düstere Tage, dunkler Katakomben gleich, mit nicht aufhören wollenden Gängen nach allen Seiten Richtung Finsternis sich windend, in die ich dich hinunterführte,du, der du mir folgtest, in die du mitgingst, mir zu liebe, deren Schwärze Du nur als Beschützer meiner noch ertrugst. Du schulterste mich. Anders ging es nicht. Immer wenn es nicht mehr geht, tauchst du auf und rettest mich.
Das ist der Grund, warum ich floh. Mit dir blieb mir das Schlimmste und Allerschlimmste verwehrt, das jetzt beglichen werden muss. Wie einer, der klopft, den man lange schon erwartet und gefürchtet hat und, nach Jahren, freudig willkommen heißt.

Franz

Beobachtung (2009)

Wie wir des nachts im schein
mancher laternen auf teernem boden
dem regentropfenfluss mit wein im
schrein rückblickender bedachtsamkeit
nachschauten ging ein vogeltier
von riesengröße in die luft empor
dem unsre blicke folgten dass es schnell
fast wirr den lerchenästen zuflog und
benommen noch vom stundenlang vergangnen
abendrot und abendbrot mit leckerei
der von jungverliebten dagelassnen einsamkeit
wie auf abenteuerlich erlognen pfaden
abstürzte den boden traf und starb

WELT IN SPLITTERN

PARIS ist der zukünftige Ort. Als ich dort war, stand noch alles auf ‘zu früh’. Auf ‘noch nicht’. Eine Stimmung, die mich beschlich wie das Kind, das aus lauter Neugier das Geschenk zur Weihnacht vor der Zeit geöffnet hat, die mich die Augen geschlossen halten ließ, wenn etwas besonders Sehenswürdiges nahte, das nicht für mich, aber doch für den, der ich später sein würde, bestimmt war und den ich sonst bestehlen würde. Paris wird der Ort vieler Jahre.

IIDEZI2

In seinem Haus hatte sich viel vom feinen Sand der Strände angesammelt, hereingetragen in eilends anbehaltenem Schuhwerk tagtäglichen Besuches. Ihm war nicht beizukommen, mit ihm musste man sich abfinden, wie mit dem Lauf der Dinge, dessen Wirkkraft in dem kleinen Küstenstädtchen so fleißig beschworen wurde, wie die Gnade Gottes. Mit dem Sand kamen die Gäste und mit den Gästen das Leben ins Haus, das er so sorgsam von dorten heraushalten wollte, von dem es, wie er fand, schon genug im Draußen gab.

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was zu zweit ist jäh vergangen
führt schlangen haft das schikksal
an: das dreieinige hat angefangen
weil rasch zurükk der dritte stahl

altes glükk das damals sorgsam
an die hohe zahl der tage abbezahlte
wie flocken neuen schnees gemeinsam
der erde angesicht verhülln, gemalte

herzlandschaft daraus entsteht
die freundschaft, blutschaft, liebe fast
sich nennt. es tost, es braust, es weht
der sturm andrer, besserer gezeiten, lasst

uns zu dreien freudig sie durchsegeln
im ozean des scherzes den sie leben heißen
und achtet niemals nicht die regeln
die auferlegt den dummen, blinden, feisten

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Lichter in der Ferne. Kleine, dunkle & große, Helle. Sie spiegeln sich im Fluß, der dazwischenhinfließt, in ihren hoffnungsgesalbten Augen, ein bisschen im Tau der Gräser, die den Morgen markieren, den jeder fürchtet und der das Zeitfenster schließen wird, dann. Wer es zu den Lichtern schafft, ist angekommen, dessen Reise schließt dann ab. Wer nicht, wer im Fluß ertrinkt oder müde wird und schwach, der auch. Dachten sie. Aber die Lichter, die verheißungsvollen, das waren ja garnicht die der warmen Stuben, in denen man ihnen Zuflucht gewähren musste, ganz sicher, bestimmt: solche waren das nicht. Es waren die der Polizeiautos, die sie schon in anderer Mission erwarteten, die sich so sicher mit der ihren in schicksalhafter Weise beißen musste.

Was eine gute Freundin weiß:

Die Trauerkatze durchstreift die Sperrmüllplätze der “hätte” und “könnte” – N.W.

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Die Kinder knieten alle um das Kätzchen aufzuwecken.

Doch das hat sich zum Sterben hingelegt

WELT IN SPLITTERN

TIMISOARA: wenn aber auch Orte wie glückliche Jünglinge von Mädchen geliebt würden, so wäre das wunderschöne, von dem niemand recht weiß, woher es aufgetaucht, das alles bezaubernde, dem an den langen Haaren Rinnsale unsagbarer Traurigkeit herunterinnen, das eltern- und schutzlose, das wortlose, das verschämte mit dem Städtchen in Rumänien verlobt.

WELT IN SPLITTERN

BELGRAD: Hier ist es zwischen den zu allen Seiten aufragenden Gebäuderücken wie im Freiraum zweier Radzähne eines alten Getriebes, das schon lange nicht mehr geht. Man weiß, würde es erneut (war es schon einmal in Betrieb?) sich drehen, man würde zermalmt. Das Riesenmaul irgendeines Monstrums, das hergerichtet im Museum ausgestellt wird, in das sich die Kinder hineinstellen dürfen, wenn sie so mutig sind: Symbol der gebannten Gefahr, die durch die Hintertüre nur vorgestellt hereintritt  (oder auch bloß hereintreten könnte).

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Grauer Himmel. Es fielen Regentropfen und Tränen: die roten Haare des Mädchens, das ich so lange angesehen hatte, wurden davon nass. Von still Weinenden geht eine ganz eigene Aura aus, sie passen nirgends hinein, so entrückt sind sie allem. Sie war die tatsächliche, um die alle herumstanden, von der alle versuchten, nicht berührt zu sein, die alle unmöglich machte, die so unglücklich waren, in ihren Wirkkreis zu fallen.

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Ein Rabbi wurde gefragt, wie es käme, daß Gott sich früher den Menschen so oft gezeigt habe, heutzutage aber niemand ihn mehr zu sehen bekomme. Der Rabbi antwortete: heute gibt es keinen mehr, der sich tief genug bücken könnte

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Emblem des Modernen: Regenschirm und Stöckelschuh

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Bereithalten muss man auf langen Safaris in die Öffentlichkeit immer jedenfalls das müde Lächeln. Das führt der Nebendraußensteher im Schilde, um notfalls das Schlimmste abzuwenden. Vielleicht ist dies die forme trouveé, weil sie beim Mitmenschen am wenigsten Verdacht erregt und deshalb die liebste des Einzelgängers. Achtung: sakrosankt macht sie ihn deswegen für vieles noch lange nicht. Der Gefahren sind viele. Ein vulgäres Plakat oder eine Prozession, deren die moderne Stadt so viele kennt, kann oftmals schon mit Leichtigkeit seinen Heimweg erzwingen. Dabei besteht Hoffnung: über jede noch so geschäftig sich brüstende Stadt sind ein paar Verstecke verteilt, die sich dem Verzweifelten dann in göttlicher Fügung als leere Kneipen, kleine Kapellen, Bibliotheken heimlich auftun, in die er dann hineinhuscht und sich in ihm freundlich gesinnter Umgebung wiederfindet.

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Als er  sich nach langer, zehrender Reise wieder ins Zuhause geflüchtet hatte, schloss er sich in seine Heimat ein. Luftschatten: er war sich selbst der Mittelpunkt. die große Welt war ausgesperrt.

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Die Schulkinder Gedichte in Schönschrift abschreiben zu lassen, beherbergt eine alte Wahrheit: ist in den Rüschen und Schwingen der Lettern, wenn sie die Jüngsten angestrengt abmalen und dabei behutsam die geflüsterten Verse als Späher vorausschicken, ist nicht dort erst der Zauberspruch gesagt, der die Türe aufmacht, hinein?

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Nichts ermüdet mehr als die offensichtlich zwecklose Zielstrebigkeit anderer.

WELT IN SPLITTERN

LONDON: wer schon einmal in dem als Harrods der Welt bekannten Kaufhaus vom egyptian escalator sich hinauf- und hinunterfahren ließ, wird, als gleichsam Eingeweihter, mit mir sagen können: der Kapitalismus läßt sich Tempel errichten. Und, ein paar Verwegene würden vielleicht flüstern: es mussten ja ägyptische sein.

I7SPTI2 II

Nach so langer Zeit nun den Weg des Schulkindes abzugehen, das man einmal war, hatte nicht viel Feierlich an sich. Ich bin ein Ausgeschlossener, die eigene Vergangenheit erinnert sich meiner nicht. Dort, wo man frühers mit geschlossenen Augen hinaufwusste, hat sich alles ein geheimes Versprechen abverlangt, zwar das Kind, nicht mehr aber den Entwachsenen zu grüßen. Auch die Vorrichtung, die fürs Geld das Naschwerk freigibt, zu der man sich jetzt hinunterbücken muss, entsagt sich mir.

WELT IN SPLITTERN

PRAG: Gibt es eine Art der Erinnerung, die nicht im Kopf sich, sondern im Herzen aufbewahrt? Denn bei meinem zweiten Besuch verwehrtest Du mir alles.

I7SPTI2

Im Traum sitze ich bei einem alten Freund auf dem Gepäckträger seines Fahrrads. Er hat mich nicht ablehnen lassen. Ich leide, weil ich zusehen muss, wie er sich den Berg hinaufplagt und mich nicht absteigen lässt, obwohl ich in ganz anderer Richtung weitergemusst hätte.

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Zwischen den Erwachsenen, die hier unter dem Vorwande eines Familienfestes zusammenkamen, lastete das eigene Kindsein doppelt so schwer. Sie redeten über mir so fremde Themen, daß ich auf nichts als ihre Stimme achten konnte und die tiefe, grollige des Großvaters mochte ich am liebsten. Der Kaffe, der so gern und viel getrunken wurde, gab mir Rätsel auf. Er war der Grenzstein, der – in meiner Vorstellung – den Übergang makierte.Die älteren Cousins verzogen zwar’s Gesicht, doch tranken tapfer ein jeder seine Tasse aus. Vor mir jedoch verbarg sich das Mysterium noch gänzlich, das sich – so reimte ich’s mir zusammen – im Reize seines Geschmacks liegen musste: denn als ich ihn heimlich probierte, schmeckte er fürchterlich. So sollte ich nicht dazugehören.

6SPTI2

Und wenn wir nur aufbrachen, um in der Ferne die Daheimgebliebenen umso mehr zu lieben?

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Sie waren zu mehreren zusammen und doch eigentlich ein jeder für sich allein.

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Von der wohl zum Zwecke der Werbung aufgestellten, rotfarbnen Kugel, die man schon von der Ferne her auf dem Hochhaus, als dessen Wahrzeichen vielleicht, prangen sah, war ich in der Kindheit magisch angezogen. Ihr Eindruck sonnenhaften Fernseins, als sei mir dorten ein Paradies versprochen, war noch verstärkt von den Gleisen, die bei der Sicht vom Bahnhof aus den Weg verschränkten.

Wie ich später einsehen musste, war der Gang dorthin wenig wert. Als ich näher kam, versagte auf beinah regenbogenartige Weise sich mir der gute Wille. Ich kehrte um.

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Ein Kind sagt in der Schule, wo die Baumgattungen abgefragt werden: Purzelbaum. Indikator des Logikers.

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Anblick der geschundenen Welt: wie tot liegt sie da, als die Wirklichkeit in ihr heimkehrte.

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Im britischen Nationalmuseum in London gibt es ein Gemälde, das sich in besonderer Weise vom restlich Dargebotenen im Raume oder vielleicht im ganzen Gebäude unterscheidet. Wer es betrachtet, sieht ein großes, raues Gestein, wie ein vom Immergleich des Wellengangs zerschundenes Felsstück. Aber es scheint einem der Stein von so widersprüchlicher, uneigentlicher Leichtigkeit, wie man sie sonst nur von Wolken vermutet. Das Bild heißt Wolkenfels, wie man hernach bemerkt.

Josephs Bach

Joseph: Siehst du das Bächlein dort, Franz? Was denkst du, woher es kommt? Ich will ihm einmal nachgehen und es herausfinden.

Franz: Was träumt dir da? Das Bächlein ist ohne Anfang und ohne Ende.

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Ich schreibe ein paar Tage nicht: schon habe ich ein schlechtes Gewissen. Wem bin ich etwas schuldig? Niemanden, hoffe ich. Ich müsste sonst ganz aufhören.

28MARI2

Einfall, der: wunderschön duftende Blume, die oft die Wanderwege säumt. Wird sie gepflückt, verliert sie den Geruch und verdorrt.

leichtsinnige Gedanken

Durch Spähen sucht er, das Dunkel seiner Vorstellung zu lichten. Aber beim Orte, wo er Stellung bezieht, verstellen Bäume ihm die Sicht. Wie durch Gitterstäbe muss er in der Ferne vorbeiziehen lassen, was sich seinen Blicken bietet, wenn sich eine Schneise auftut. Bald er dazwischen etwas ausmacht und hinläuft, findet sich nichts. Denn in der Zeit, die es braucht dort anzulangen, ist wieder eine neue Strecke in verkehrter Richtung die Entfernung. Nur im zerdrückten Gras, das seinem Bild den Augenblick zurückgibt, kann sein Sehnen Heimat haben. Dort findet seine Erschöpfung einen Platz und er entschläft auf der erbrachten Hekatombe.

Nun aber kommen die verloren Geglaubten. Schuldbewusste, sie umringen ihn, als sei er ein im Spiel verletztes Kind. Etwas tritt heraus und küsst ihm die Stirn. Aber war das nun im Traum oder in Wirklichkeit?

27MARI2

Aufgabe des Schriftstellers: das richtige Stellen der Frage